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Freund oder Rivale?

Stille lag über dem großen, gepflasterten Hof. Die Sonne war gerade dabei ihren Schein langsam über die Mauer der Stadt zu schicken und das Szenario in sanftes Licht zu tauchen. Eine schwache Brise ließ die Banner hin und wieder aufflattern um kurz darauf wieder in sich zusammen zu fallen. 
In der Mitte des großen Kreises standen zwei in schwarz gekleidete Gestalten. Um sie herum, der Linie der beiden Halbkreise folgend, bewegungslos zwei Reihen von jungen Menschen, die darauf warteten, dass man sie beim Namen nannte. Es waren keine gewöhnliche Namen. Es waren Titel, die sie sich erarbeitet hatten oder die verliehen wurden aufgrund einer bestimmten Tat. Man konnte eine gewisse Anspannung spüren die sich auf dem Platz breit machte. Es sollte ein denkwürdiger Tag für sie alle werden. Der Tag, an dem sie als vollwertige Mitglieder ihres Ordens galten. Sie würden nun einander zugeteilt um im späteren Verlauf der Bruderschaft ehrenhaft zu dienen. Untereinander kannten sie sich nur durch ihr Erscheinungsbild oder ihre Namen. Die Gesichter des Anderen hatten sie noch nie gesehen. Das verbot ihr Kredo. Sie waren Krieger, Asassinen, Auftragsmörder, Diebe. Einander zu kennen barg das Risiko sich zu sehr aneinander zu binden. Denn oft genug endeten ihre Aufträge die sie zu bewältigen hatten auch mit dem Tod. So band man sich nicht unnötig eng aneinander und es war leichter einen neuen Partner an der Seite zu akzeptieren. 
Eine dunkle, raue Stimme hallte über den Platz, rief die ersten Beiden Namen aus. Es lösten sich zwei Gestalten aus ihren Reihen, traten vor die schwarz Gekleideten. Es folgte eine kurze Ansprache, dann wurde den Beiden etwas an ihre Kleidung gesteckt. Es handelte sich hierbei um das Symbol des Ordens: Ein Falke, in dessen Auge meist ein farbiger Edelstein eingebracht war. Dem Träger passend angeglichen.  
So lichteten sich die Reihen der jungen Rekruten, bis nur noch eine handvoll übrig war. Es entstand eine lange Pause. Als ob man sich uneinig wäre, wie man weiter verfahren sollte. Dann: „Schattenklinge!“. Ein großer junger Mann löste sich von seinem Platz und trat mit langen Schritten vor. „Rosendorn!“ Eine schmächtige Gestalt folgte dem Ruf und kam in der Mitte des Platzes ebenfalls zu stehen. Es war nicht ungewöhnlich, dass man ein Paar mit Mann und Frau bestückte. Allerdings war die Wahl bei diesen Beiden als Selektion gedacht. 
Schattenklinge war einer von denen, die sich besonders durch ihre Stärke und ihren Mut, sowie ihre Treue gegenüber dem Orden bewiesen hatten. Rosendorn dagegen war bis auf ihre herausragenden Fähigkeiten im Bogen schießen nicht besonders aufgefallen. Sie handelte man als eine der nur Mittelbegabten, während man ihm einen weitaus höheren Posten zutraute. Kannte man Beide, so war an ihrer Haltung leicht abzulesen, dass sie über die Wahl des jeweils Anderen nicht besonders glücklich schienen. Es stand ihnen aber nicht zu ihre Stimme gegen die der Meister zu erheben. So senkten sie ihre Häupter, wandten sich um und verließen gemeinsam den Platz. 
Sobald es ihnen wieder erlaubt war zu sprechen hob Schattenklinge, dessen Name eigentlich Borvin war die Stimme: „Wir wissen Beide, dass wir nicht glücklich über die Wahl unserer Meister sind. Dennoch bin ich gewillt sie nicht zu enttäuschen. Du wirst dich anstrengen müssen.“, er warf Rosendorn, deren Name Nuvija lautete einen abschätzenden Blick zu: „Ich habe nicht vor dich oder sie zu enttäuschen.“, entgegnete sie lediglich, erwiederte seinen Blick stur. Ein leises raunen seinerseits: „Das will ich doch auch hoffen.“  
Den Weg zum Speißesaal verbrachten sie schweigend. Am Mittag würde man sich dann gemeinsam zum Training wieder auf dem großen Hof einfinden. Es war nicht so, dass sie noch nie zusammen gekämpft hatten. Aber meist hatten sie sich dabei bekämpft. Bei ihren nun folgenden Einheiten würden sie lernen zusammen zu agieren. Nicht gegeneinander. 

„Ihr müsst lernen gemeinsam Schritt zu halten!“, der strenge Ton des Ausbilders hallte über den Regen und das Donnergrollen hinweg. Das Wetter war gekippt, eben so, als würde es seine Laune zum Ausdruck bringen wollen. Schwertmeister Hadre war unzufrieden mit seinen Schützlingen. Selten hatten die alten Meister ihm eine solche Herausforderung angetraut. Mit dem Kopf schüttelnd trat der Älter an die Beiden jüngeren heran. Er streckte die Hände aus, legte sie an die Schultern Borvins und drehte ihn leicht: „Ihr müsst jederzeit bereit sein einen überraschenden Angriff abzublocken. Dabei ist es Eure Aufgabe Euch selbst und Nuvija zu schützen. Sie wird auf die Führung Eures Schildarmes vertrauen müssen. Wenigstens innerhalb der ersten Sekunden.“, sprach er ruhig, aber bestimmt. Als er ein Nicken von Borvin wahr nahm ging er um diesen herum, wandte sich Nuvija zu: „Eure Schritte sind zu kurz für die Eures Gefährten. Gestaltet sie weiterhin so klein, aber dafür schneller. Ihr seid beweglicher als er. Ihr müsst fähig sein seinen Rücken zu decken und gleichzeitig für einen frontalen Angriff vorbereitet zu sein.“, er stieß mit der Fußspitze gegen Nuvijas linkes Bein und sie geriet für einen kurzen Blick aus dem Gleichgewicht: „Das darf nicht sein! Ihr müsst Euch um Eure linke Achse drehen können! Borvin kann seinen Schwertarm nutzen um Angreifer nieder zu strecken, ist aber mit seinem Schildarm in seiner Bewegung eingeschränkt wenn er angegriffen wird. Ihr müsst dafür sorgen, dass er hier wieder beweglich wird. Dabei ist ein festes Standbein von hohem Wert.“, erklärte er ruhig, aber mit einer gewissen Strenge in der Stimme. Auch Nuvija nahm er bei den Schultern, führte sie in die passende Position und trat ein paar Schritte zurück. „Nochmal! Denkt daran, dass Ihr jederzeit angegriffen werden könnt!“, forderte er die Beiden auf und kniff die Augen zusammen. Es erschloss sich ihm noch immer nicht, warum man ausgerechnet diese Beiden ausgewählt hatte. Sie waren vom Wesen, vom Waffentypus her so unterschiedlich, dass es ihm schwer viel die Beiden als eine Einheit zu betrachten und auch zu einer solchen auszubilden. Selbst wenn diese Ungleichheit auch einen großen Vorteil mit sich brachte, was die Flexibilität an Aufträgen anging, die sie später einmal bewältigen konnten. Vorausgesetzt sie würden einmal so zueinander finden, wie er es sich wünschen würde. 

Ein lauter Ruf übertönte ein weiteres Donnergrollen: „Kreuzzügler!“ 
Alarmiert blickte Hadre auf, als bereits die ersten Pfeile in das Innere des Hofes rieselten.
Borvin fuhr herum, hob instinktiv seinen Schild und senkte den Kopf auf die Brust. Nuvija drängte sich dicht hinter ihn, legte einen Pfeil auf die Sehne, wartete ab, bis der Pfeilhagel vorüber war. Das Bersten von Holz, dann das trampeln von vielen Schuhen auf Gestein, gemischt mit den hellen Klängen einer Glocke, die nun geläutet wurde. 
Schwer gepanzerte Krieger kamen den geschwungenen Weg hinauf, die Waffen im Anschlag hielten sie direkt auf die kleine Dreiergruppe zu. 

Erschöpft schloss sie für einen kurzen Augenblick die Augen, stieß die Luft aus ihren Lungen und wäre wohl fast zur Seite weggeknickt, hätte sie nicht jemand an den Schultern gepackt und in ihrem Stand stabilisiert. Verwirrt schlug Nuvija die Augen wieder auf. Borvin stand vor ihr, hatte die Hände an ihren Körper gelegt und betrachtete sie mit einem musternden Blick: „Du bist am Ende deiner Kräfte. Ruh dich aus. Mehr kannst du hier nicht mehr tun.“, er deutete auf das mittlerweile getrocknete Blut, welches ihren Unterarm zierte: „Du hättest dich erst selbst versorgen sollen.“ fügte er ruhig hinzu. Nuvija seufzte schwer: „Es gibt noch Verwundete.“. „Keine, die deiner Aufmerksamkeit bedürfen. Komm.“, sie stützend, legte er ihren gesunden Arm um seine Schulter, griff sie an der Taille und führte sie wohl mehr tragend, als dass sie noch wirklich selbst ging zurück in ihr Zimmer. Dort lies er sie auf ihrem Bett nieder, warf nochmals einen Blick auf die Schnittwunde, welche sie erlitten hatte. Die Verletzung war nicht tief, nicht besonders ernst. Es schien, als würde sie den Schlaf nun dringender benötigen als weitere, ärztliche Verpflegung. Nuvija schien noch für einen Moment gegen die bleierne Müdigkeit anzukämpfen, ergab sich ihr dann aber. 
Es war schon fast ein kleines Wunder, dass sie den Angriff der Kreuzzügler überlebt hatten. Meister Hadre war bei einen der ersten Schwertstreichen gefallen. Er war unbewaffnet gewesen und hatte den Angreifern nichts entgegen zu setzen. Bei diesem Gedanken ballten sich Borvins Händen unweigerlich wieder zu Fäusten. Hadre war einer der Besten Ausbilder gewesen, die dem Orden angehört hatten. Seiner Ansicht nach wenigstens. Nun war er tot. Hätten Nuvija und er es nicht geschafft sich in einen der erhöhten Wachtürme zurück zu ziehen, wären sie vermutlich auch Opfer dieses Angriffes geworden. Während er den Zugang blockiert hatte, hatte sie von unterschiedlichen Positionen aus mit Pfeil und Bogen die Gegner getötet. Eine Taktik, die so lange getaugt hatte, bis die eigenen Kameraden sich in den Kampf gemischt hatten. Dann war die Kampfeswut in ihm Herr geworden und er hatte seine Position verlassen. Ein Fehler wie er nach der Schlacht festgestellt hatte. Auch wenn er selbst einige der Angreifer niedergestreckt hatte, so hatte er doch seine Kameradin schutzlos im Turm zurück gelassen. Hätte Nuvija sich nicht geschickt kletternd auf das Dach retten können, wäre sie vermutlich ebenfalls durch einen Schwertstreich umgekommen. 
Bei dem Gedanken glitt sein Blick wieder auf die Gestalt, welche nun im Bett lag und schlief. Er hatte nicht gewusst, dass sie in der Heilkunde so begabt war. Kaum war der Angriff vorüber hatte sie sich daran gemacht die Verwundeten zu verarzten und Schmerzen zu lindern, wo sie es konnte. Borvin hatte den Anderen geholfen die letzten Angreifer gefangen zu nehmen und die Festung wieder zu verbarrikadieren. Auch wenn sie keinen weiteren Angriff wohl vorerst zu fürchten hatten machte sich eine gewisse Unruhe in ihm breit.
Es war eine Schmach in der eigenen Festung angegriffen zu werden und dann solch herbe Verluste erleiden zu müssen. 
Borvin drehte sich um, verließ das Zimmer um den Anderen bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Auch wenn er selbst ebenfalls erschöpft war würde er noch einige Stunden ausharren müssen. Das war eine Herausforderung, die er sich selbst auferlegte. Meister Hadre hätte es wohl ebenso von ihm verlangt. Er wollte seine eigene Stärke testen, sich selbst erproben ob er tatsächlich den Willen aufbringen konnte seinen Körper aufrecht zu halten bis in die späten Abendstunden. Denn so lange würden sie wohl noch brauchen, bis sie die eigenen Toten aufgebahrt und alles so gesichert hatten, dass sie sich vorerst in Sicherheit wiegen konnten. 
Noch am frühen Abend entzündeten sie das große Feuer, welches die toten Körper ihrer Feinde verschlang. Es hatte aufgehört zu regnen und die große Rauchwolke fügte sich nahtlos in den dunkelgrauen Himmel über ihnen ein. 
Schweigend standen sie da, starrten auf die züngelnden Flammen. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nach zu hängen. Die Rekruten hatten noch nie mit einem Kampf auf Leben und Tod zu tun gehabt. Viele, die am Morgen zueinander gefunden hatten waren wieder getrennt worden weil sie ihren Kameraden in der Schlacht verloren hatten. Sie würden bald wieder neu zugeteilt werden. Dennoch hinterließ es einen faden Beigeschmack auf den sie Alle hätten verzichten können. 
Stoisch hatte Borvin seinen Blick ins Feuer gerichtet, als Eros, einer der Älteren Krieger des Ordens an ihn heran trat: „Es gibt eine Aufgabe für Euch.“, murmelte er leise an sein Ohr und zog aus seinem Gewand eine Pergamentrolle, welche er Borvin weiter gab; „Ruht Euch in dieser Nacht aus. Öffnet morgen früh dieses Schreiben, rüstet Euch und macht Euch spätestens zur Mittagsstunde mit Eurer Kameradin auf.“, fuhr er ebenso leise wie er begonnen hatte fort und zog sich dann wieder zurück. 
Borvin betrachtete das Pergament in seiner Hand kurz, bevor er es unter seinen Umhang gleiten ließ. Die Müdigkeit wurde kurzzeitig von einem Adrenalinschub beiseite gefegt. War das nun der erste, offizielle Auftrag der alten Meister für sie? So kurz, nach solch einer Schlacht? 
Mit einem letzten Blick auf das Feuer wandte er sich ab um sein Gemach aufzusuchen und sich auszuruhen, wie man ihm geheißen hatte.

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Ruhig schritten die die Pferde dahin. Es war bereits in den Mittagsstunden des nächsten Tages und die Sonne prallte unbarmherzig auf sie herab. Um die Tiere zu schonen hatten sie beschlossen langsamer zu reiten. Schließlich sollten sie ihr Ziel noch vor dem Abend erreichen. Sie hatten ein enges Zeitfenster und sollten spätestens bis zum nächsten Abend wieder in der Festung sein. 
Borvin warf Nuvija einen kurzen Seitenblick zu. Noch immer wirkte sie mitgenommen vom gestrigen Angriff, schien sich das aber nicht weiter anmerken lassen zu wollen. Eine Bandage, getränkt mit einem bestimmten Kräutersaft, den sie selbst angerührt hatte verdeckte ihre Verletzung. Er selbst hatte sich recht gut erholt. Seine Gedanken kreisten lediglich unablässig um das Warum: Warum hatte man sie beide ausgewählt um in Feindesgebiet zu spionieren? Sie hatten noch nicht einmal zueinander gefunden, da schickte man sie bereits auf ihren ersten Auftrag. War es eine Probe? War es reiner Selbstmord? Der Auftrag auf dem Pergament war scheinbar eilends nieder geschrieben worden. Hier und da waren Tintenschmierer erkennbar gewesen. 
„Borvin.“, Nuvija hielt ihr Pferd an. Der eben Genannte zügelte sein Reittier ebenfalls, sah überrascht zu der Jüngeren hinüber. Diese deutete bei seinem fragenden Blick in die Ferne. Erst erkannte er kaum etwas, bis ihm der aufgewirbelte Sand auffiel welcher sich schemenhaft vom Horizont abhob. „Meinst du es sind weitere Streitkräfte?“, sie stellte ihm die Frage, die kurzzeitig auch in seinen Gedanken aufgeblitzt war. „Unwahrscheinlich.“, entgegnete er dann, zuckte kurz mit den Schultern: „Das gäbe keinen Sinn. Keiner von ihren Soldaten ist zurück gekehrt. Sie müssen wissen, dass wir sie geschlagen haben.“ „Und wenn es nur war um uns jetzt in Sicherheit zu wiegen?“, Nuvija griff die Zügel ihres Pferdes fester: „Sie müssen ebenfalls Späher geschickt haben. Noch in der Nacht.“. Borvin gab ein dunkles Grummeln von sich. „Das wäre beunruhigend.“, gab er zu Bedenken. Sie nickte kurz: „Es wird schwierig sein sich ihnen zu nähern ohne aufzufallen.“ „Was, wenn es nur eine große Karawane ist?“, Borvin trieb sein Pferd wieder an, damit es langsam vorwärts trat. Nuvija zögerte kurz, bevor sie sich ebenfalls zum weiterreiten entschloss: „Etwas sagt mir, dass dem nicht so ist.“ 

 

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